Factoring – Definition, Erklärung, Forderungskauf

Factoring ist die laufende, gewerbliche Übertragung von Forderungen eines gewerblichen Gläubigers („Factoringnehmer“) gegen einen oder mehrere Forderungsschuldner (“Abnehmer”) an ein Institut („Factor“ oder „Factoringgesellschaft“)  vor Fälligkeit der Forderungen.

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Einfach erklärt, ist Factoring also ein Forderungsverkauf, der der Finanzierung des Gläubigers dient. Daher wird es alternativ auch als Forderungsfinanzierung bezeichnet.

Merkmale

Wesentliche Merkmale des Factorings sind

  1. Die Forderung wird gegen Zahlung eines Gelbetrages übertragen.
  2. Die Forderung ist noch nicht fällig.
  3. Das Risiko, dass die Forderung nicht besteht („Veritätsrisiko“), bleibt beim Factoringnehmer.

Obwohl der Verkauf von Forderungen bereits auf eine sehr lange Geschichte zurückblicken kann, nimmt seine Bedeutung in Deutschland weiter zu: So sind die Umsätze des Factoringgeschäfts laut Branchenverband auch 2015 noch einmal um 10,1% gewachsen (Link).

Deutsche Übersetzung

Der Begriff „Factoring“ kommt aus dem Englischen und kann tatsächlich am ehesten mit „Finanzierung“ ins Deutsche übersetzt werden. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort „Factura“ für „Rechnung“ ab.

Eine deutsche Übersetzung als „Fakturierung“ ist hingegen ein False Friend, da Fakturierung „in Rechnung stellen“ bedeutet  und somit mit „billing“ zu übersetzen wäre.

Rechtsgrundlage: Forderungskauf und Zession, Erlaubnispflicht

Nach deutschem Zivilrecht kann eine Forderung im Wege der Abtretung (Zession) vom alten Gläubiger (Zedent) auf den neuen Gläubiger (Zessionar) übertragen werden, § 398 BGB. Das Abtreten der Forderung erfolgt beim Factoring gegen Zahlung eines Geldbetrages, Forderungskauf gem. § 453 BGB. Juristisch handelt es sich beim Factoring also um eine spezielle Form der Zession.

Der Factoringvertrag beinhaltet eine Globalzession: alle gegenwärtigen und zukünftigen Forderungen des Factorkunden werden unter bestimmten, im Vertrag festgelegten Bedingungen vom Factor angekauft, also an ihn abgetreten. Diese Globalzession kann bei Kollision mit einem verlängerten Eigentumsvorbehalt unwirksam sein (Link) .

Gemäß § 32 I KWG ist für das Angebot von Factoringleistungen eine Erlaubnis der BaFin notwendig, da es sich hierbei um Finanzdienstleistungen handelt.

Grundarten: Echtes und unechtes Factoring

Grundsätzlich ist zwischen den beiden Arten echtem Factoring und unechtem Factoring zu unterscheiden:

Echtes Factoring (Non-Recourse-Factoring)

Beim echten Factoring (auch Non-Recourse-Factoring genannt) wird vom Factor mit Ankauf der Forderung auch das Risiko des Forderungsausfalls („Delkredererisiko“) übernommen. Der Factoringnehmer ist somit vor dem Risiko eines Forderungsausfalls geschützt.

Unechtes Factoring (Recourse-Factoring)

Beim unechten Factoring (Recourse-Factoring) hingegen verbleibt das Risiko des Forderungsausfalls auch nach Forderungsverkauf beim Factoringnehmer. Im Falle eines Forderungsausfalls muss der Factoringnehmer dem Factor den erhaltenen Betrag nebst Zinsen zurückerstatten.

Funktionen

Das Factoring erfüllt drei Funktionen:

  1. Finanzierungsfunktion
    Durch den Verkauf der Forderung erhält der Factoringnehmer unmittelbar nach Entstehung der Forderung vom Factor den Forderungsgegenwert gutgeschrieben. Es erfolgt also ein unmittelbarer Zufluss an Liquidität aus erfolgten Umsätzen. Dadurch entfallen Unwägbarkeiten des Forderungseingangs und der Finanzierung. Der so erzielte Einklang zwischen Liquidität und Umsatz ermöglicht umsatzkongruente Investitions- und Wachstumsphasen und ein Management des Working Capitals. Wenn die Factoringerlöse zur Tilgung bestehender Schulden verwendet werden, verbessert sich die Eigenfinanzierung des Unternehmens (Eigenkapital-Fremdkapital-Relation). Dadurch verbessern sich Bonität und Rating des Factoringnehmers und die zukünftige Aufnahme von Krediten wird einfacher und günstiger. Factoring ist damit – ebenso wie das Leasing – eine alternative Möglichkeit der Finanzierung.
  1. Delkrederefunktion
    Wenn es sich um echtes Factoring handelt (siehe oben), übernimmt der Factor auch das Delkredererisiko. Der Factoringnehmer wird also vor dem Risiko des Forderungsausfalls geschützt, indem der Facor dieses Risiko übernimmt. In der Praxis vergibt der Factor für jeden Debitor ein konkretes Ankaufslimit. In dessen Rahmen wirkt das Factoring für den Factoringnehmer wie eine Versicherung gegen den Forderungsausfall. Die Delkrederefunktion wird daher auch als Versicherungsfunktion bezeichnet.
  2. Dienstleistungsfunktion
    Die Dienstleistungsfunktion des Factors umfasst mehrere Teilaspekte: So übernimmt der Factor wahlweise Aufgaben des Debitorenmanagements, Mahnwesens und insbesondere die anfängliche Bonitätsprüfung der Abnehmer des Factoringnehmers. Hierdurch kann der Factoringnehmer Ressourcen und Geld einsparen. Die frühe und unabhängige Bonitätsprüfung des Factors wiederum schafft zusätzliche Sicherheit für den Factoringnehmer.

Ablauf, Verfahren, Voraussetzungen

  1. Der Factoringnehmer generiert eine Forderung gegenüber einem Abnehmer durch Erbringung einer Dienstleistung oder Warenlieferung. Die wichtigste Voraussetzung hierbei ist die Verität der Forderung: Also dass die Forderung besteht. Darüber hinaus muss die Forderung auch abtretbar
  2. Da der Factor beim echten Factoring das Delkredererisiko trägt, prüft er im Voraus die Bonität des Abnehmers.
  3. Im Anschluss erfolgt der eigentliche Verkauf der Forderung an den Factor.
  4. Bei erfolgtem Ankauf der Forderung durch den Factor, werden dem Factoringnehmer rund 80-90% des Forderungsgegenwerts gutgeschrieben. Ab diesem Zeitpunkt übernimmt der Factor das Debitorenmanagement.
  5. Wenn der Abnehmer die Rechnung beglichen hat, überweist der Factor dem Factoringnehmer die ausstehenden 10-20% der Forderungssumme.

Schaubild

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Der genaue Ablauf des Verfahrens lässt sich auch dem nebenstehenden Schaubild entnehmen.

So zeigt das Dreieck das Schema, nach welchem der Forderungsverkauf in der Praxis abläuft.

Weitere Arten

Stilles Factoring

Beim Stillen Factoring wird der Abnehmer nicht über den Verkauf der Forderung des Factoringnehmers an den Factor informiert. Der Abnehmer überweist dementsprechend den Rechnungsbetrag wie gewohnt direkt an den Factoringnehmer, nicht an den Factor. Diese Form des Factorings ist in Deutschland eher unüblich.
Eine Ausnahme hierzu stellen Factoringnehmer dar, die häufig öffentliche Forderungen, also Forderungen gegen die öffentliche Hand bzw. öffentliche Verwaltung haben. Da hier oftmals ein Abtretungsverbot enthalten ist, nutzen solche Factoringnehmer gern das Stille Factoring.

Offenes Factoring

Das Offene Factoring ist dementsprechend das Gegenteil: Der Abnehmer wird über den Verkauf der Forderung des Forderungsnehmers an den Factor informiert. Diese Form des Factoring ist die in Deutschland gängige.

Export Factoring (Ausfuhrfactoring)

Wie der Name bereits sagt, handelt es sich beim Export Factoring um das Factoring von Forderungen inländischer Factoringnehmer gegen ihre ausländischen Abnehmer. Diese Form des Factoring hat eine besonders ausgeprägte Finanzierungs- und Liquiditätsfunktion, da ausländische Abnehmer nicht selten Zahlungsziele von 90 oder sogar 120 Tagen erwarten und die Kapitalbindung des Factoringnehmers entsprechend lang wäre. Aber auch die mit dem Export verbundenen Risiken sind vergleichsweise höher gegenüber einem inländischen Geschäft. Auch diese Risiken können vom Factoringnehmer mithilfe des Export Factoring abgesichert werden.

Inhouse Factoring

Beim Inhouse Factoring übernimmt der Factoringnehmer das Debitorenmanagement und Mahnwesen weiterhin selbst. Der Delkredereschutz und die Finanzierungsfunktion werden aber weiterhin vom Factor übernommen. Diese Variante ist im Vergleich zum Full Service Factoring günstiger.

Full Service Factoring

Im Gegensatz dazu wird beim Full Service Factoring zusätzlich auch die Dienstleistungsfunktion (inklusive Debitorenmanagement und Mahnwesen) übernommen. Das Full Service Factoring umfasst also alle drei wesentlichen Factoringfunktionen (Finanzierungsfunktion, Delkrederefunktion und Dienstleistungsfunktion) und stellt den Regelfall des Factoring dar.

Reverse Factoring

Das Reverse Factoring zeichnet sich dadurch aus, dass die Initiative hierbei nicht vom Lieferanten sondern vom Abnehmer ausgeht. Der Abnehmer lässt den Factor die Rechnung (unter Ausnutzung von Skonto) beim Lieferanten begleichen und begleicht seinerseits die Rechnung beim Factor mit Ablauf des Zahlungsziels. Hierdurch spart der Abnehmer Zinsen für Bankverbindlichkeiten, verbessert seine Finanzkennzahlen (Verb. LL statt Bankverbindlichkeiten) und stärkt seine Stellung beim Lieferanten.

Online Factoring

Mittlerweile wird von zahlreichen Fatoring Anbietern auch ein Online Factoring angeboten. Hierbei kann der Factoringnehmer alle Kommunikation mit dem Factor bequem online erledigen. Das beinhaltet auch ein in der Regel einfaches Einscannen und versenden der Rechnungen per Email.

Factoring Abgrenzung

Inkasso

Das Factoring ist vom Inkasso abzugrenzen, wie es von sogenannten Inkassounternehmen betrieben wird. Beim Inkasso wird die Forderung gerade nicht vom Gläubiger auf das Inkassounternehmen übertragen. Stattdessen verfügt das Inkassounternehmen über Vollmachten des Gläubigers und tritt in dessen Namen auf, um die Begleichung der Forderung zu betreiben. Die Forderung selbst und das Risiko der Nichtbegleichung verbleiben jedoch beim Gläubiger. Im Gegensatz zum Factoring wird das Inkasso in diesem Sinne auch erst nach Fälligkeit der Forderung betrieben. Beim Factoring hingegen erfolgt nur der Verkauf von noch nicht fälligen Forderungen.

Forfaitierung

Auch bei der Forfaitierung erfolgt ein Verkauf der Forderung vom alten Gläubiger („Forfaitist“) an einen neuen Gläubiger („Forfaiteur“). Und auch die Forfaitierung kann das Delkrederrisikos entweder auf den Forfaiteur übergehen („echte Forfaitierung“) oder beim Forfaitisten verbleiben. Das Veritätsrisiko verbleibt hingegen bei Forfaitierung und Factoring jeweils beim alten Gläubiger.

Die Unterschiede Forfaitierung vs. Factoring sind:

  1. Die Forfaitierung beinhaltet den Kauf vertraglich konkret bestimmter Forderungen (Spezieskauf). Das Factoring hingegen umfasst regelmäßig auch den Kauf erst später entstehender, zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses noch unbekannter Forderungen (Gattungskauf).
  2. Die Forfaitierung deckt in der Regel kapitalintensive Einzelgeschäfte Das Factoring hingegen beinhaltet in der Regel den Kauf vieler kurzfristiger Forderungen.
  3. Im Rahmen einer Forfaitierung verkaufte Forderungen haben oftmals sehr lange Laufzeiten. Beim Factoring sind die Laufzeiten der veräußerten Forderungen in der Regel sehr kurz.

Factoring Kosten

Die Factoring Kosten entstehen in Form einer Factoring Gebühr. Diese Factoring Gebühr wird erhoben, um alle drei Funktionen des Factoring abzudecken: Zinsen für die Finanzierungsfunktion, Prämie für die Versicherungsfunktion gegen Forderungsausfall und Gebühr für die Dienstleistungsfunktion.

Dementsprechend sind die Factoring Konditionen auch von zahlreichen Faktoren abhängig. Diese sind insbesondere:

  • Jahresumsatz des Factoringnehmers,
  • Anzahl der Abnehmer,
  • Bonität des Factoringnehmers,
  • durchschnittliche Rechnungshöhe,
  • Länge der Zahlungsziele,
  • Höhe der Finanzierungslinie und
  • Factoring-Variante.

In der Praxis liegen die Factoring-Gebühren zwischen 2 und 5 Prozent.

Factoring Vorteile und Nachteile

Vorteile:

  • Verbesserung der Liquidität
  • Verbesserung der Finanzierung und Investitionsmöglichkeiten
  • Schutz vor Forderungsausfällen
  • Entlastung des Unternehmens vom Debitorenmanagement
  • Verbesserung der Beziehung zu Abnehmern dank großzügigerer Zahlungsziele

Nachteile und Risiken:

  • häufig relativ hohe Gebühren
  • Risiken und Schweirigkeiten bei Wiedereingliederung Debitorenmanagement
  • Distanz zu Abnehmern möglich
  • nicht für alle Branchen und Abnehmer geeignet und sinnvoll

Für wen ist Factoring geeignet?

Grundsätzlich ist Factoring für alle Unternehmen und Selbständigen geeignet, die einen Bedarf an Liquidität haben. Insbesondere aber im Mittelstand ist Factoring von besonderer Bedeutung: Denn gerade im Mittelstand ist der regelmäßige Investitionsbedarf und dazugehörige Finanzierungsbedarf hoch und die Pflege und Bindung bestehender Abnehmer besonders wichtig. Hier kann das Factoring mit seinen drei Funktionen eine besonders gute Wirkung entfalten.

Ähnlich verhält es sich aber auch mit Unternehmen, die sich in starken Wachstumsphasen befinden: So haben Gründer und Startup (z.B. Fintech) oftmals besonders hohen Investitions- und Finanzierungsbedarf, der mit Factoring angemessen gestillt werden kann.

Für Immobilienmakler kann Factoring eine sinnvolle Finanzierungsmöglichkeit darstellen, da die Forderungshöhe oftmals relativ hoch ist und die damit verbundene Kapitalbindung ebenso.

Für Freiberufler wie Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte und Steuerberater ist zusätzlich die Dienstleistungsfunktion interessant, da diese die Ressourcen in Praxis oder Kanzlei vom Debitorenmanagement und Mahnwesen entlastet.

Das jetzt schon überdurchschnittlich starke Wachstum im Gesundheitswesen lässt erahnen, dass auch für diesen Bereich der Forderungsverkauf zunehmend wichtiger werden wird.

Factoring Verband

Die größten deutschen Factoringgesellschaften sind in zwei Factoring Verbänden organisiert: Dem Deutschen Factoring Verband e.V. und dem Bundesverband Factoring für den Mittelstand. Beide Verbände decken über 80% des Factoringvolumens in Deutschland ab.

Factoring Bilanzierung

Im Rechnungswesen ist bei der Bilanzierung des Factorings ist zwischen dem echten und dem unechten Factoring zu unterscheiden:

Bilanzierung unechtes Factoring

Nach herrschender Meinung findet beim unechten Factoring kein Wechsel des wirtschaftlichen Eigentümers der Forderung statt. Die Forderung ist daher weiterhin beim Factoringnehmer zu bilanzieren, das Factoring selbst ist nicht zu buchen.

Bilanzierung echtes Factoring

Beim echten Factoring hingegen verlässt die Forderung die Bilanz des Factoringnehmers, da der Factor die Forderung ankauft. Dadurch wirkt sich das Factoring dahingehend auf die Bilanz des Factoringnehmers aus, dass die Position Forderungen aus Lieferungen und Leistungen in Höhe der verkauften Forderungen gemindert wird.

Bilanzierung nach IFRS

Die Bilanzierung des Factoring nach IFRs richtet sich danach, wer die wesentlichen Risiken und Chancen aus der Bilanzposition inne hat, IAS 39.17 ff. In der Regel wird daher eine Bilanzierung der Forderung im Jahresabschluss des Factors erfolgen.

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Factoring und Umsatzsteuer (USt)

Bei der Umsatzsteuerpflicht ist wiederum zwischen echtem und unechtem Factoring zu unterscheiden:

Umsatzsteuer echtes Factoring

Der Factor ist umsatzsteuerpflichtig.

Umsatzsteuer unechtes Factoring

Beim unechten Factoring handelt es sich aus steuerrechtlicher Sicht hingegen um eine umsatzsteuerfreie Kreditgewährung.

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