Warum sichere Anlagen arm machen

Immer wieder erstaunt es mich, mit welch starkem Interesse im Internet nach Tagesgeldern und Festgeldern gesucht wird. Sogar beim letzten Internetmuffel scheint mittlerweile die Existenz von Vergleichsportalen im Internet angekommen zu sein, die bequem die höchsten Zinssätze am Markt vergleichen und auswerfen.

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Was grundsätzlich ein Grund zur Freude sein sollte, macht mir irgendwie auch wieder Angst. Immerhin sollte man sich doch einmal die Gesamtkonstellation der sogenannten „sicheren Anlagen“ zu Gemüte führen:

1. Leitzinsniveau von praktisch 0 in Europa, Japan und den USA

Genauso wie in Japan und mittlerweile auch in den USA haben wir in Europa ein Leitzinsniveau von 0 erreicht. Ob man dies wirtschaftspolitisch für sinnvoll, hilfreich und/oder erstrebenswert hält, möchte ich an dieser Stelle einmal vollkommen offen lassen. Fakt ist aber, dass eine Geldanlage auf Tages- und Festgeldern nahezu keine Zinsen mehr bringt. Selbst die Lockangebote einzelner Banken, die noch dazu in der Regel auf einen bestimmten Maximalbetrag und –anlagezeitraum begrenzt sind, bringen nur noch selten 1% p.a. ein.

2. eine Inflation , die zwar in Europa nahe 0 liegt, in Deutschland aber bei bis zu 0,5%

Nun dient so eine niedrige Verzinsung ja in erster Linie der Anregung der Investitionstätigkeit der Unternehmen, Konsumenten und Staaten. Ein absolut nachvollziehbares Ansinnen vor dem Hintergrund, dass die Inflation in der Eurozone zwischen Juni 2015 und Juni 2016 bei ca. 0,0% lag.

In Deutschland lag sie allerdings im gleichen Zeitraum schon bei etwas höheren 0,2-0,3%.

Und hier haben wir noch nicht einmal eine Individualisierung des repräsentativen Warenkorbs vorgenommen! Denn die Inflationsrate für einen auf Sie persönlich angepassten Warenkorb kann noch einmal deutlich darüber liegen!

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3. ein Bankensektor, der vor den gravierendsten Veränderungen der letzten 150 Jahre steht

Ulrich Cartellieri bezeichnete den Bankensektor bereits 1988 als „die Stahlbranche des 21. Jahrhunderts“ und meinte damit, dass die Bankenbranche die Branche mit den größten Veränderungen und Umbrüchen im 21. Jahrhundert sein würde.
Und ohne an dieser Stelle weiter auf die (wirklich guten) Argumente, die für einen nachhaltigen Umbruch in der Branche sprechen, einzugehen, möchte ich an dieser Stelle festhalten:
Der Wettbewerb unter den Banken ist in den letzten Jahren immer schärfer geworden und immer weniger Banken sind dazu in der Lage, wenigstens ihre Kapitalkosten zu verdienen. Wenn wir uns den Markt unter den Banken anschauen, stellen wir fest, dass mittlerweile schon die eine oder andere Bank verschwunden ist (Stichwort: Dresdner Bank).

Fazit

Und wenn ich diese Fakten einmal zusammen betrachte, muss ich feststellen, dass unter Festgeld- und Tagesgeldanleger eine beachtliche Irrationalität Überhand zu nehmen scheint, die sonst nur den sog. “Zittrigen” an den Aktienmärkten großer Boomphasen zugeschrieben wird:

  1. Es wird Geld zu nahezu jeder am Markt erhältlichen Kondition angelegt,
  2. Konditionen werden gar nicht mehr zu realwirtschaftlichen Gegebenheiten und einem realen ökonomischen Nutzen in Beziehung gesetzt und
  3. Geld wird einfach jedem Schuldner geliehen, egal in welcher Wettbewerbs- und Branchensituation er sich befindet.

Der 3. Punkt muss natürlich aufgrund des in Deutschland existierenden und sehr großzügigen Einlegerschutzes eingeschränkt werden.

Aber die ersten beiden Punkte zeigen es deutlich: Angst frisst Hirn!

Angst führt also zu Irrationalität!

Es wird von vielen Anlegern für jeden Sparbetrag auch der niedrigste Zins in Kauf genommen, obwohl dieser nach Abzug der lokalen Inflationsrate praktisch bei 0 liegt; in Einzelfällen sogar darunter.

Es wird der kontrollierte, aber „sichere“ Verlust von Vermögen in Kauf genommen, um damit jeder anderen scheinbar unsichereren Anlage aus dem Weg gehen zu können.

Und schon machen sichere Anlagen arm. – Zwar nicht auf einmal, aber dafür Stück für Stück.

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