Auch Dividendenaktien sind keine Einbahnstraße

Wenn ich mir die Riege der Finanzblogs so anschaue, sollte man meinen, dass Dividendenaktien als die ultimative Lösung zum Aufbau und Erhalt eines Vermögens und der Erlangung finanzieller Freiheit auserkoren wurden.

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Prinzipiell sollte mich das ja freuen! Immerhin versuche ich selbst doch schon seit mehr als 15 Jahren Kunden, Kollegen und Freunde – mit durchwachsenem Erfolg im Übrigen – von der Geldanlage in Aktien und ihrem nachhaltigen Nutzen zu überzeugen. Denn natürlich weiß auch ich – schon aus eigener Erfahrung – um die langfristige Mehrrendite von Aktien gegenüber allen anderen Anlageklassen bei unter diesen Umständen überschaubarem Risiko.

Aber es stimmt mich doch mittlerweile nachdenklich, dass die Dividendenaktie jetzt von Einigen als Allheilmittel auserkoren worden zu sein scheint. Schließlich galt sie in Fachkreisen über Jahrzehnte eher als ein spezielle Ausprägung eines bestimmten Produkts denn als ultimative Lösung.

Dividende ist etwas für Faule, Labile und Chrakterschwache

„Durch Dividenden habe ich jedes Jahr etwas von meiner Geldanlage.“

Dieses Argument empfinde ich persönlich als das schwächste Argument von allen. Denn was habe ich von einer Aktie, die mir eine jährliche Ausschüttung aufs Konto überweist im Vergleich zu einer, die die Erträge wieder anlegt? Eigentlich nur eines: Mir die Erträge nicht selbst durch anteilige Aktienverkäufe aufs Konto überweisen zu müssen. Davon abgesehen ist die Ausschüttung einer Dividende nicht mehr als Manipulation und Bevormundung: Manipulation, weil mir suggeriert wird, der Firma ginge es besser als vergleichbaren Firmen, die nicht ausschütten und wieder anlegen. Und Bevormundung, weil ich bei nicht ausschüttenden Unternehmen die Wahl habe, ob ich mir die Erträge selbst – mittels Teilverkauf meiner Aktienposition – auf das Konto ausschütte oder meine Erträge mit dem Zinseszinseffekt weiter für mich arbeiten lassen will.

Ich müsste also faul, labil und charakterschwach sein, um der ideale Aktionär eines Dividendentitels zu sein.

Dividende ist ein Armutszeugnis des Managements und der Anfang vom Ende eines Unternehmens

„Eine regelmäßige Dividende unterstreicht, dass es dem Unternehmen gut geht und es in der Regel sogar noch mehr verdient.“

In der Reihenfolge der schwächsten Argumente für eine Strategie mit Dividendenaktien kommt auf Platz 2 auch schon dieses.
Provokativ muss man sagen, dass Dividenden eigentlich nur ein Armutszeugnis des Managements sind. Mit einer (insbesondere überdurchschnittlich hohen) Dividende sagt das Management doch eines aus: Unser Unternehmen ist nicht so stark, dass wir dir, lieber Aktionär, intern eine höhere Rendite auf dein Kapital bieten können, als du sie extern am Kapitalmarkt erzielen könntest. Bei unserem aktuellen Zinsniveau bedeutet das ja – überspitzt gesagt -, dass das Management meines Unternehmens mich mit meinem Geld in die Arme anderer Unternehmen treibt. Na, dann Prost Mahlzeit! Tolle Firma! Das ist doch eigentlich ziemlich erbärmlich, oder? Nicht ohne Grund erfreuen sich in den USA Aktienrückkaufprogramme und relativ niedrige Dividendenrenditen großer Beliebtheit. Letztere übrigens verschleiert hinter der sehr häufigen Ausschüttungsfrequenz (oftmals quartalsweise) in den USA: Man bedient sich des angesprochenen psychologischen (manipulativen) Effektes durch die sehr häufige Zahlung der Dividende in sehr ausgeprägter Form und mindert durch die nur geringe Ausschüttungshöhe den realen Rentabilitätsverlust, den der Anleger im Falle eines gut laufenden Unternehmens durch die Ausschüttung erleiden würde. Cleverer Schachzug. Wenn schon Bevormundung, dann bitteschön auch zu meinem Nutzen! Ansonsten ist eine hohe Dividendenrendite nicht mehr als das genannte Armutszeugnis.

Davon abgesehen: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass dividendenstarke Branchen der Vergangenheit immer wieder große Probleme bekommen haben? Als Beispiele möchte ich hier nur die Banken, die Mineralöl- und Gaskonzerne sowie die Minengesellschaften nennen. Den Grund hierfür habe ich Ihnen oben ja bereits dargestellt: Dividendenstarke Unternehmen wissen nichts mehr mit ihrem bzw. Ihrem Geld anzufangen und schütten es stattdessen aus. Ein junges, wachstumsstarkes, dynamisches Unternehmen, das ständig neue Ideen hat und Geschäftsfelder erfindet oder erschließt, würde niemals Erträge ausschütten; und wenn dann nur einen sehr geringen Teil. Nicht ohne Grund zahlt Amazon bis heute zum Beispiel keine Dividende. Ein dividendenstarkes Unternehmen hingegen verwaltet in der Regel nur noch die Erfolge der Vergangenheit (Banken, Versicherungen) bzw. hat eine nur sehr geringe Wertschöpfungstiefe (Rohstoffgesellschaften, Minengesellschaften). Wer in Unternehmen investiert, die eine starke Dividende zahlen, kauft immer Unternehmen, die eher verwalten als sich entwickeln.  – Eben Unternehmen der Vergangenheit.

Am Absurdesten finde ich dann die folgenden argumentativen und investiven Konstruktionen: Da wird die Immobilienanlage als überteuert und gefährlich abgetan, das Depot dafür aber mit den sehr dividendenstarken REITs (Anmerkung: Immobiliengesellschaften!) vollgestopft! Mal abgesehen davon, dass auf REITs genau die oben genannte Charakterisierung von Unternehmen mit niedriger Wertschöpfungstiefe zutrifft: Was mache ich denn bitte anders, wenn ich mir REITs ins Depot lege, anstatt eine Immobilie zu kaufen? Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit der Lage! Die meisten REITs haben einen oder mehrere sehr begrenzt regionale Anlagefokusse. Daher würde ich mir wirklich zweimal, ach lieber dreimal überlegen, ob ich Geld in REITs investiere, nur weil die Dividende so schön aussieht. Die werden schon wissen, warum sie die Dividende so hoch ansetzen!

So ist die Dividende oftmals nur der Anfang vom Ende.

Dividenden beweisen die Verlegenheit des Investors

„Mit der gezahlten Dividende kann ich dann ja wieder in etwas Anderes investieren und somit meine Anlagen noch weiter streuen.“

Bei genauer Betrachtung ist auch dieses Argument ziemlich schwach: Wenn ich mich so sehr darüber freue, dass Gelder frei werden, damit ich sie in andere Firmen oder Assets investieren kann, muss ich mir wohl die Frage gefallen lassen, warum ich das Geld nicht gleich ganz in diese „anderen Firmen“ investiert habe. Es zeigt zumindest, dass ich nicht aus vollster Überzeugung sagen kann, mich für das aus meiner Sicht beste Unternehmen entschieden zu haben. Ich finde, das ist kein gutes Zeichen.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Risikostreuung macht Sinn, aber nur in Maßen! So sollte Risikostreuung niemals aus Verlegenheit oder purer Vermeidungsstrategie erfolgen, sondern immer einen konkreten Zweck verfolgen: Nutzung von Opportunitäten, Antizyklik etc. Andernfalls wird meine Depotrendite im Einheitsbrei der ETFs untergehen und keinerlei Achtungszeichen bieten.

Nicht umsonst meinte Warren Buffett, man solle niemals mehr als 10 Werte im Portfolio haben, da man sonst keinen wirklich kenne.

Die Zeiten ändern sich

Aus meiner mehr als 15 Jahre währenden Erfahrung mit den Finanzmärkten kann ich mit Überzeugung sagen: Die Zeiten ändern sich…wieder und wieder und wieder.

Und auch wenn wir heute manchmal den Eindruck haben, dass die Zeiten niedriger Zinsen und Schaukelbörsen ewig herrschen werden, darf ich korrigieren: Das wird nicht mehr ewig so weiter gehen!

Hausse voraus

Eine so lange währende Schaukelbörse wie in den letzten 15 Jahren deutet historisch auf eines hin: Nämlich dass wir gerade am Fuße einer der größten Aktienmarktrallyes der Börsengeschichte stehen. Und wenn man weiterhin der Historie ein wenig Glauben schenken möchte, so wird diese Rallye ca. 15 bis 20 Jahren anhalten. Gut, wer in Aktien investiert ist!

Allerdings wird so eine lang anhaltende Rallye selbstverständlich nicht von Dividendenaktien getragen (Werte der Vergangeheit, s.o.), sondern von den Wachstumsaktien, Branchen der Zukunft, High-Flyern…Nennen Sie das Kind, wie Sie wollen.

Der entscheidende Punkt ist: Wenn man jetzt bedenkt, dass Dividendenaktien in so einer Hausse weniger stark performen als Growth-Aktien, lässt man pro Jahr zwischen 2 und 5% an Rendite liegen. Auf einen Zeitraum von den genannten 15 bis 20 Jahren gesehen, ist das eine ganze Menge Holz.

Hohe Zinsen ebenso

Und wenn die Aktien so eine Hausse hinlegen, werden irgendwann die Zentralbanken auf den Plan treten und das Geld abschöpfen müssen, um die Rückschlagsgefahr für die Realwirtschaft zu reduzieren. Und dann werden wir auch wieder interessante Zinssätze an den Kapitalmärkten sehen:

So erinnere ich mich durchaus noch an Anleihenrenditen von 7% und mehr im Long Term. Wenn man sich mal mit der Generation unserer Eltern unterhält, wird man zu hören bekommen, dass zu Anfang der 90er Jahre Baufinanzierungen teilweise 13% p.a. gekostet haben. In Worten: Dreizehn Prozent! Würden Sie wirklich noch das Risiko einer Eigenkapitalinvestition auf sich nehmen für eine Dividendenrendite von 3-4,5% p.a., wenn Ihnen als Fremdkapitalgeber am Rentenmarkt 7% p.a. gezahlt werden?

Wahrscheinlich nicht. Und viele andere Anleger auch nicht. Was das mit den Kursen von Dividendenwerten anrichten wird, können Sie sich dann ja an einer Hand abzählen.

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Dividenden können auch mal gesenkt werden

Und, ach ja, ehe ich es vergesse: Auch Dividenden werden mal gesenkt. Ich liebe ja den neuen Begriff „Dividendenaristokraten“: Da hat es manchmal den Anschein, dass Dividenden, die immer konstant gezahlt oder sogar angehoben wurden, eine Garantie dafür seien, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Daran habe ich meine Zweifel!

The trend is your friend; aber eben immer nur solange der Trend nicht zu einem neuen Trend wird.

Der durchschnittliche Lebenszyklus eines Unternehmens liegt bei 30 Jahren. Folglich liegen viele sogenannte Dividendenaristokraten schon sehr lange über ihrem Zenit. Was das über Wahrscheinlichkeiten aussagt, überlasse ich wieder Ihrer Phantasie.

Fazit

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch! Ich möchte weder Dividendenwerten ihre Berechtigung absprechen noch möchte ich sagen, dass man kein Geld in Dividendenwerten anlegen sollte! Es gibt Situationen, in denen machen Dividendenaktien Sinn und es gibt Unternehmen, für die die Zahlung einer hohen Dividende Sinn macht. Aber 1. sind das jeweils weitaus weniger als manch einer dem Anleger im Augenblick weismachen möchte und 2. sind genau diese Unternehmen nicht die, in die man investieren sollte, wenn man Gewinnmaximierung anstrebt.

Stattdessen gilt noch immer die eiserne Regel: Ein gut strukturiertes und in Maßen diversifiziertes Portfolio, das auch aktuelle Markttendenzen zumindest berücksichtig, schützt Kapital und lässt es sorgsam gedeihen.

Und wie immer gilt auch hier: Scheuen Sie sich nicht, professionellen Rat einzuholen, wenn Sie sich mit Ihrer Depotstrategie unsicher sind.

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