Faktor Zertifikate – Erklärung, Berechnung, Risiken

Faktor Zertifikate sind eine Sonderform der Hebelzertifikate, die allgemein als sicherer und transparenter gilt. Ob das tatsächlich so ist und wie Faktor Zertifikate funktionieren, berechnet werden und welche Risiken sie bergen, erfahren Sie im vorliegenden Artikel.

Erklärung Konstruktion und Funktionsweise Faktor Zertifikate

Faktor Zertifikate unterscheiden sich in ihrer Konstruktion und Funktionsweise von regulären Hebelzertifikaten dadurch, dass der Hebel dauerhaft konstant ist. Denn bei Hebelzertifikaten nimmt der Hebel mit zunehmenden Anstieg eines Long-Zertifikates ab, da sich der Preis immer weiter vom Finanzierungslevel entfernt. Dadurch nimmt der eigenfinanzierte Anteil des Zertifikates gegenüber dem fremdfinanzierten Anteil zu und der Hebel verringert sich.

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Faktor Zertifikate bieten im Gegensatz dazu einen dauerhaft konstanten Hebel. Das wird erreicht, indem das Zertifikat nicht direkt an den Basiswert geknüpft wird. Stattdessen wird ein Referenzindex der emittierenden Bank herangezogen und alle Kursveränderungen finden innerhalb dieses Referenzindexes statt. Die Höhe des Faktors bestimmt dabei, in welche Richtung und mit welchem Hebel der Referenzindex die tägliche Kursveränderung des Basiswerts abbildet. Der Preis des Zertifikates ergibt sich dementsprechend aus der Preisveränderung des Referenzindex.

Einen Knock Out („KO“) wie bei anderen Hebelzertifikaten gibt es beim Faktor Zertifikat nicht. Faktor Zertifikate werden generell ohne KO emittiert.

Problem: Pfadabhängigkeit

Aus dieser speziellen Konstruktion ergibt sich allerdings auch das größte Problem der Faktor Zertifikate: die Pfadabhängigkeit.

Um diese zu erläutern, ein kleines Beispiel zur konkreten Berechnung. Dann fällt das Problem schon ins Auge.

Beispiel zur Berechnung Pfadabhängigkeit

Nehmen wir als Beispiel ein Faktor Zertifikat, dass sich auf einen fiktiven Aktienindex mit einem Kursstand von 100 bezieht und diesen 2x hebelt.
Wenn nun am ersten Tag der Index um 10% fällt, fällt er auf 90. Das Faktor Zertifikat hebelt diese Entwicklung mit dem Faktor 2 und landet dementsprechend am Tagesende bei 80.

Am Folgetag steigt der Index wieder auf 100. Das entspricht einem Anstieg von 11,11%, da nun 90 die Basis ist. Das Faktor Zertifikat hebelt diese Entwicklung, also 22,22%. Mit diesem Anstieg steht es am Ende des zweiten Tages dann bei 97,776 und nicht wieder bei 100 Euro. 

Die Pfadabhängigkeit zeigt also, dass die Entwicklung des Basiswertes vom Faktor Zertifikat nicht eins zu eins nachvollzogen werden kann. Stattdessen treten gerade in längeren Seitwärtsphasen mit hoher Volatilität Verluste des Faktor Zertifikates ein, obwohl der Basiswert konstant geblieben ist.

Laufzeit open end

Faktor Zertifikate haben keine Laufzeit sondern sind endlos („open end“) ausgestaltet.

Haltedauer

Faktor Zertifikate können jederzeit verkauft werden und unterliegen keine Halteverpflichtung.

Aufgrund des oben dargestellten Problems der Pfadabhängigkeit, bieten sich Faktor Zertifikate tatsächlich auch nicht als allzu langfristiges Investment an. Denn gerade in Seitwärtsphasen des Marktes verliert das Zertifikat, ohne dass der Basiswert im Preis gesunken wäre.

Rollverluste

Faktor Zertifikate können Rollverluste unterliegen, wenn mit ihnen beispielsweise in Rohstoffe investiert wird.

Nachschusspflicht

Eine Nachschusspflicht, wie einige sie noch aus den alten Zeiten der Differenzkontrakte kennen, gibt es bei Faktor Zertifikaten nicht.

Dividende

Natürlich bekommen Faktor Zertifikate Anleger keine Dividende ausgeschüttet. Allerdings könnte eine Dividende des zugrunde liegenden Basiswerts für Turbulenzen sorgen. Denn durch die Dividendenausschüttung wird die Aktie am Markt niedriger gehandelt („Dividendenabschlag“). Das hätte deutlich negative Auswirkungen für die Anleger in zugehörigen Faktor Zertifikaten.

Daher wird bei Faktor Zertifikaten bei Dividendenausschüttungen des Basiswertes der Preis des Faktor Zertifikates einfach um die ausgeschüttete Dividenden reduziert. Dadurch entstehen den Faktor Zertifikate Inhabern keine Nachteile.

Handelszeiten

Die Handelszeiten hängen vom Emittenten und der Art des Zertifikates ab. Sie bewegen sich aber häufig im Bereich zwischen 8 und 22 Uhr eines Börsenhandelstages.

Kündigung

Der Emittent kann das Faktor Zertifikat kündigen. Das schafft natürlich Unsicherheit beim Anleger.

englische Übersetzung

Die englische Übersetzung für Faktor Zertifikate lautet „factor certificates“.

Faktor Zertifikate auf Volatilitätsindizes VDAX und VIX

Wer unseren Artikel zur Volatilität gelesen hat, darf nun hier feststellen, dass es auch Faktor Zertifikate auf Volatilitätsindizes gibt. Sowohl an der Entwicklung des deutschen VDAX als auch an der seines amerikanischen Pendants „VIX“ kann der Faktor Zertifikate Anleger somit partizipieren.

Faktor Zertifikate auf Bitcoin

Faktor Zertifikate auf Bitcoin gibt es leider noch nicht.

Wer gerne auf oder gegen die Wertentwicklung der größten Kryptowährungen spekulieren möchte, der kann dies zum Beispiel hier tun.*

Gebühren / Kosten

Gebühren, die beim Handel mit Faktor Zertifikaten anfallen, lassen sich in zwei Kategorien einteilen: die einmaligen Gebühren und die regelmäßig wiederkehrenden Gebühren.

Die einmaligen Kosten fallen einerseits in Form der Transaktionsgebühren der Bank und andererseits als Spread zwischen Geld-Brief-Spanne an. Da mittlerweile viele Banken Direkthandel mit Zertifikate Brokern anbieten, können die Transaktionsgebühren deutlich niedriger sein. Das kann sich insbesondere bei kleineren Losgrößen stark bemerkbar machen.

In selteneren Fällen erhebt der Emittent des Zertifikates ein Aufgeld. So ein Faktor Zertifikate Aufgeld wird dann regelmäßig anstelle des Spreads zwischen Geld-Brief-Spanne erhoben.

Als regelmäßige Kosten von Faktor Zertifikaten sind insbesondere die Finanzierungskosten zu nennen. Da der Kunde ja vom Emittenten den gehebelten Teil des Basiswertes finanziert bekommt, muss der Kunde hierfür auch einen Kreditzins an den Emittenten zahlen. Die Höhe dieses Finanzierungszinssatzes bestimmt der Emittent anhand aktueller Marktgegebenheiten.

Wenn der Käufer hingegen auf fallende Kurse setzt („short“ bzw. Put), bekommt er diesen Finanzierungszinssatz bezahlt, da er ja bereits etwas verkauft, wofür er später erst das Geld bekommt. Der Kunde finanziert also in diesem Fall vor.

Risikoklasse: Totalverlust möglich?

Faktor Zertifikate scheinen aufgrund ihrer Konstruktion sicherer und transparenter als andere Hebelzertifikate.

Und wenn wir uns beispielsweise ein fiktives Faktor Zertifikat mit 4x Faktor auf den DAX anschauen, scheint ein Totalverlust im Prinzip ausgeschlossen: Der Dax müsste an einem Tag 25% verlieren, damit das Zertifikat wertlos würde. Einen solchen Tagesverlust musste der DAX bisher noch nie hinnehmen. Und selbst wenn, haben Emittenten gerade für diesen Fall eine Verlustbremse („Barriere Reset“) in das Zertifikat eingebaut, die in so einem schwarzen Fall den freien Fall schlicht ab einem gewissen Verlustniveau stoppt. Ein Totalverlust allein aufgrund der Kursentwicklung ist daher in den allermeisten Fällen ausgeschlossen.

Allerdings handelt es sich bei Faktor Zertifikaten rechtlich um Inhaberschuldverschreibungen. Im Falle, dass die emittierende Bank also zahlungsunfähig wird, ist ein Totalverlust plötzlich nicht mehr ausgeschlossen.

Dementsprechend finden sich Faktor Zertifikate auch in der gleichen Risikoklasse wie andere Hebelzertifikate – der Totalverlust bleibt eben möglich.

Vorteile

  • einfachere und transparentere Preisbildung (vs Hebelzertifikate oder Optionsscheine)
  • long und short möglich
  • Totalverlustrisiko deutlich geringer (vs Knock Out Zertifikate)
  • keine Nachschusspflicht vs alte Formen der Differenzkontrakte
  • open end ausgestaltet (vs Optionsscheine und manche Hebelzertifikate)
  • hohe Liquidität
  • Pfadabhängigkeit kann zu kumulierten Gewinnsteigerungen führen
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Nachteile

  • Pfadabhängigkeit kann zu schleichenden Kapitalverlusten in Seitwärtsphasen führen
  • Rollverluste möglich
  • Handelszeiten nicht 24/7
  • Verfügbarkeit vom Emittenten abhängig; Emittent kann Angebot einstellen in für ihn ungünstigen Marktphasen
  • Hebel auf 10x beschränkt; hochspekulativen Anlegern zu wenig
  • Totalverlust möglich
  • Kündigung seitens des Emittenten möglich

Faktor Zertifikate – unsere Erfahrungen und Empfehlung

Tatsächlich setzen die meisten von uns Faktor Zertifikate nur kurzfristig in bullishen Marktphasen ein, um eine bestehende Position noch leicht zu hebeln und so die Rendite etwas zu verbessern.

Für die Umsetzung schon mittelfristiger Stand-alone-Strategien halten wir die Faktor Zertifikate jedoch für völlig ungeeignet.  Pfadabhängigkeit und Emittentenabhängigkeit sind uns hier einfach zu kompliziert und die maximalen Hebel von 10x zu wenig.

Auch für Hedging Überlegungen sind Faktor Zertifikate völlig ungeeignet. Denn gerade für solche Fälle wäre eine wenigstens monateweise Haltdauer unverzichtbar. Allerdings ist die Pfadabhängigkeit hier wiederum diejenige, die eine solche Haltedauer unmöglich macht.

Daher greifen wir doch lieber auf Hebelzertifikate oder Differenzkontrakte zurück.

Unsere Empfehlung: Setzen Sie Faktor Zertifikate nur sehr ausgewählt ein. Sowohl was die Marktphase als auch das konkrete Zertifikat selbst anbelangt.

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