Negativzinsen, oder: Der Untergang des Abendlandes

Was vor einigen Jahren noch undenkbar war, ist heute bittere Realität: Der Negativzins greift in Deutschland um sich und betrifft zunehmend mehr Menschen. Bisher blieben Privatkunden noch – bis auf wenige Ausnahmen (siehe hier und hier ) weitestgehend von ihm verschont. Unternehmer hingegen sind bereits heute mehr und mehr davon betroffen (hier und hier ). Und so möchte ich heute einen kurzen Abriss über Ursachen und Umsetzung des Negativzinses geben und anschließend ein bisschen etwas zu den Stimmungen schreiben, die ich in diesem Zusammenhang aufgenommen habe.
Abschließen möchte ich eine Einschätzung dazu abgeben, wie man in Zukunft mit der neuen Situation umgehen könnte.

Werbung

Die Ursache

Die Ursache für die Negativzinsen liegt – bekanntermaßen, denn da erzähle ich Ihnen nichts Neues – in der Wirtschaftspolitik der Europäischen Zentralbank: Durch besonders niedrige bzw. jetzt eben sogar negative Zinsen versucht die EZB den Konsum, die Investitionen und die Kreditvergabe anzuregen. Das alles, um dem mittlerweile allgegenwärtigen Gespenst der Deflation entgegen zu wirken (Interessant hier zu folgender Artikel: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deflation-normalitaet-nahe-null-1.3111011.

Die Umsetzung durch die EZB

Umsetzen tut die EZB die Negativzinsen, indem sie die bei ihr für Banken möglichen Einlagen eben schon mit einem Negativzins versieht, den die Banken dann gegenüber eigenen Kunden qua Geschäftsmodell noch mit einer zusätzlichen Marge versehen müssten, um weiterhin ein lohnendes Geschäft mit dem Kunden machen zu können. Wie oben gezeigt, erfolgt dies bereits gegenüber Firmenkunden, gegenüber Privatkunden bisher (noch) nur eingeschränkt.

Aber bleibt das so?

Hierüber eine Aussage zu treffen, wäre Kaffeesatzleserei bzw. noch viel weniger eigentlich: Im Grunde nicht mehr als ein Tipp ins Blaue hinein.

Daher, lieber Leser, vertrauen Sie bitte niemandem, der Ihnen behauptet, zuverlässig sagen zu können, ob die Banken auch gegenüber Privatkunden den Negativzins in der Breite einführen werden! Derlei Behauptungen und Unterstellungen halte ich für vollkommen unseriös, solange niemand vor Ihnen steht, der mit Vornamen Mario und mit Nachnamen Draghi heißt.

Paradigmenwechsel

Mit den Negativzinsen scheint für viele Kunden ein Paradigmenwechsel im gesamten Bankwesen bzw. der gesamten Finanzwirtschaft eingetreten zu sein, da so etwas noch bis vor kurzem undenkbar oder sogar sachlich unmöglich zu sein schien. Wenn Sie sich bei Wikipedia den Artikel zu Negativzinsen durchlesen, werden Sie feststellen, dass es tatsächlich bereits einmal einen (kleinen und nur ähnlich gelagerten) Fall in der Geschichte gab. Aber im Großen und Ganzen kann man sagen: Ja, so etwas gab es noch nie zuvor.

Die Kunden reagieren überraschend gefasst

Interessant ist, dass ich unter meinen Kunden keinen so großen Aufschrei wahrnehme, wie man ihn vielleicht hätte erwarten können. Ich meine, dass der Kunde jetzt Geld dafür bezahlen muss, dass er sein Geld bei einer Bank einlegt, sollte doch eigentlich so etwas wie Empörung oder Erschütterung hervorrufen, oder? Aber weit gefehlt, tatsächlich nehmen viele Kunden diesen Umstand bzw. – im Falle der Privatkunden: die sich realistischer abzeichnende Zukunft – außerordentlich gefasst auf.

Woran liegt das? Handelt es sich also vielleicht gar nicht um den genannten Paradigmenwechsel?

Entwicklung mit Ansage

Zum Einen kam diese Entwicklung nicht über Nacht: Die lockere Geldpolitik der Notenbanken währt ja eigentlich – mit leichten Unterbrechungen – praktisch schon seit dem Niedergang der sog. New Economy um die Jahrtausendwende. Bereits seit 2003 haben die Notenbanken in Europa und den USA (Japan ja sowieso und noch deutlich früher) kräftig an den Zinsschrauben gedreht. Aber auch der zunehmende reale Wertverlust des Geldes ist dem gemeinen Sparer in Europa und den USA ja schon deutlich länger vertraut: Eine selbst langfristige Verzinsung unterhalb des Inflationsniveaus und damit realer Wertverlust ist dem Einleger doch auch schon seit spätestens 2013 vertraut. Die genannte Verzinsung auf dem Konto hat dem Sparer doch aufgrund dieses Umstandes schon lange nichts mehr bedeutet.

Insofern wäre eine – dann auch offizielle – negative Verzinsung des eingelegten Kapitals nur noch ein kleiner Schritt in einer Reihe von Enttäuschungen des Sparers. Von einem Paradigmenwechsel kann vor diesem Hintergrund also doch keine Rede mehr sein.

Es gibt sie noch, die Alternativen

Auch ist die Situation ja bei weitem noch nicht völlig alternativlos: Selbst wenn alle Banken irgendwann den Negativzins auf Privatkunden ausweiten, wird es auf absehbare Zeit wahrscheinlich noch Bagatellgrenzen geben, die mehr oder minder hoch liegen werden. Ehe es also an die Kleinstsparguthaben geht, wird noch einiges an Zeit vergehen.

Und auch dann wird es noch Alternativen im risikolosen Bereich geben, die sich unter geringer Beimischung von Kurzläufern und anderen Schuldtiteln gerade noch so an der Nulllinie halten werden.

Und zur Not bieten sich ja auch immer noch die bekannten Zinsvergleiche im Internet an, um die Lockangebote des einen oder anderen Instituts im Verdrängungsmarkt der Banken zu nutzen und so noch ein bisschen „irreale Verzinsung“ mitnehmen zu können.

Davon abgesehen: Wie wäre es denn gleich mit Konsum oder Investition? Damit würden Sie dann auch der EZB einen Gefallen tun. 🙂

Fazit

Nur auf den ersten Blick erscheint der Negativzins als Paradigmenwechsel. Bei genauerem Hinsehen erschließt sich, dass es sich um einen langwierigen Prozess handelt, der jetzt einen besonderen Meilenstein erreicht hat. Wer Geld auf Tages- oder Festgelder anlegt, hat eigentlich schon seit Jahren draufgezahlt!

Wer hingegen seinem Geld etwas mehr Aufmerksamkeit schenkt und sich für eine ausgewogene Vermögensanlage mit sinnvoller Asset Allocation entscheidet, wird auch in dieser Umgebung zu den finanziellen Gewinnern gehören.

Aber es gilt wie immer: Wenn Sie sich in diesen Fragen unsicher fühlen, scheuen Sie sich nicht, professionelle Unterstützung einzubeziehen.

(Visited 44 times, 1 visits today)

Das könnte Sie auch interessieren.

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.