Technische Analyse oder Fundamentalanalyse?

Technische Analyse oder Fundamentalanalyse – dieser Konflikt scheint ebenso alt zu sein wie die Aktie an sich. Beide Lager standen sich lange dogmatisch nahezu unversöhnlich gegenüber und jeder Aktienanleger schien sich für eine Seite entscheiden zu müssen.

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Fundamentalanalyse

 

Die Fundamentalanalyse – auch unter dem englischen Begriff „Value Investing“ bekannt – stützt sich bei der Anlageentscheidung für oder gegen eine Aktie rein auf die Zahlen und Kennzahlen des Unternehmens. Hierzu werden vorzugsweise die Geschäftsberichte des Unternehmens gelesen und analysiert. Am Ende steht ein vom potenziellen Investor ermittelter „innerer Wert“ der Aktie, mit welchem der aktuelle Marktpreis dann als fair, zu teuer oder zu günstig eingeschätzt werden kann. Eine Anlageentscheidung für oder gegen eine konkrete Aktie kann dann anhand des ermittelten inneren Wertes der Aktie im Vergleich zum Markpreis getroffen werden: Ist die Aktie am Markt deutlich günstiger als der innere Wert, sollte die Aktie natürlich gekauft werden. Und vice versa.

Technische Analyse

Die Technische Analyse hingegen blendet die Zahlen des Unternehmens vollkommen aus und beschäftigt sich lediglich mit den Bewegungen der Aktie. Es werden Charts auf regelmäßig wiederkehrende Muster und Figuren durchleuchtet und mit Wahrscheinlichkeiten versehen. Und sobald ein bestimmtes Muster auftaucht und mit einer für den potenziellen Investor günstigen Wahrscheinlichkeit (i.d.R. wenigstens >50%) versehen ist, wird gekauft. Ähnlich wie beim Poker wird solch eine Strategie dann auf Dauer mehr Gewinne als Verluste bringen.

Für mich war von Anfang an faszinierend, wie feindlich und dogmatisch verbohrt sich beide Lager seit Jahrzehnten gegenüber stehen. Ich kann mich allerdings auch daran erinnern, dass vor ca. 10 Jahren in der finanzwirtschaftlichen Lehre bereits von einer Aussöhnung der beiden Positionen die Rede war.
Und ich kann nur sagen, dass ich diese Aussöhnung persönlich für längst überfällig halte.

Denn im Endeffekt liegen beide Ansichten ja gar nicht so weit auseinander:

Grundgedanke und Motivation

Zuerst einmal liegt beiden Ansätzen der gleiche Grundgedanke und natürlich auch die gleiche Motivation zu Grunde: Beide Ansichten haben erkannt, dass der Kleinanleger sich im strukturellen Nachteil gegenüber Großinvestoren und institutionellen Anlegern befindet. Und beide Praktiken versuchen aus der Not eine Tugend zu machen und quasi unter dem Radar der großen Market Maker zu fliegen; dabei allerdings auch noch einen richtig guten Schnitt zu machen. Die einen surfen dabei auf der Welle der großen Player (technische Analyse), während die anderen etwas genauer hinschauen als viele Großanleger, um sich so einen Vorteil zu verschaffen (Value Investoren). Aber das Grundprinzip bleibt das Gleiche: Anerkenntnis der eigenen Schwäche, um diese zum Vorteil zu machen.

Warren Buffett

Und dann gibt es noch ein sehr schlagkräftiges Argument, das eigentlich jede Diskussion zum dem Thema verstummen lassen sollte. Und dieses Argument heißt „Warren Buffett„.
Denn der aktuell wohl größte und erfolgreichste Investor von allen, wendet seit Jahrzehnten beide Strategien im Gleichklang an. Ja, richtig gelesen: Der Mann, der in einem Atemzug mit der fundamentalanalytischen Auslese von Aktien genannt wird, hat das Value Investing niemals so unbelehrbar propagiert. Er war zwar Schüler des „Godfather of Value Investing“ – Benjamin Graham -, hat aber in seine Investitionsentscheidungen auch die technische Analyse einfließen lassen. Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum er seinen Lehrmeister dann auch so deutlich überflügelt hat.

Vom Baden und Grillen

Wie Sie sehen, sollte man diesen – eigentlich schon jahrzehntelang überholten – Konflikt das sein lassen, was er ist: ein angestaubter dogmatischer Streit älterer Herren. Beide Verfahren haben unter Praktikern ihre Berechtigung und es lohnt sich, sich beide Verfahren zu eigen zu machen. Ich selbst nutze beide Verfahren und erkläre ihren Nutzen immer mit einer kleinen Metapher: Die Technische Analyse ist wie die Straßenkarte, auf der Sie sich grundlegend orientieren. Wenn Sie aber ein lauschiges und geheimes Plätzchen zum Baden oder Grillen suchen, brauchen Sie die Fundamentalanalyse. 🙂
Insofern: Technische Analyse oder Fundamentalanalyse? Beides!

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