4 wirre Thesen zur Geldpolitik der EZB

Oh, wie ich das Halbwissen liebe, mit dem immer um sich geworfen wird, wenn es um das „Geldpolitik der EZB“ geht.

So kommt man, wenn man sich die gängigsten Darstellungen der öffentlichen Meinung anschaut, immer wieder zu einer scheinkausalen Verkettung der folgenden Argumente und Thesen:

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Die EZB druckt immer mehr Geld und dadurch verliert unser Geld immer mehr an Wert.

Schon diese These vereinbart mehrere Elemente eines gepflegten Halbwissens in sich und ist doch auf dem besten Wege zu einer Art anerkanntem Allgemeingut oder sogar Teil des Volksmunds zu werden.

Offen gesagt: Dabei wird mir Angst und Bange. Richtig ist: Die EZB druckt immer mehr Geld. Dadurch verliert das Geld in unserem System aber nicht zwangsläufig an Wert! Denn seit Einführung der Fiat-Währungen bemisst sich auch der Preis (bzw. hier meinetwegen: Wert) des Geldes anhand von Angebot und Nachfrage, da ja gerade kein offizielles Tauschverhältnis zu einem Gut (wie bei güterbesicherten Währungen) gegeben ist.

Das heißt, durch die bloße Steigerung des Angebots allein, entsteht noch kein Wertverlust des Geldes. Dieser kommt erst durch die Inflation (Geldwertverlust, Preisanstiege) zustande. Tatsächlich ist das scheinbare Schreckgespenst der Inflation genau das, was Herr Draghi sich im Moment am meisten wünscht. Genauer gesagt: Die Rückkehr zur kontrollierten Inflation, wie sie in unserem Finanzsystem nicht nur gewünscht, sondern sogar elementar wichtig ist.

Denn entgegen der landläufig verbreiteten Meinung hat nicht die Inflation (genauer: Hyperinflation) den historisch größten finanzwirtschaftlichen Schaden in der deutschen Geschichte angerichtet, sondern die Deflation (Anmerkung: Folge der Weltwirtschaftskrise und Voraussetzung für den Aufstieg Hitlers).

Alle geldpolitischen Maßnahmen sind aktuell daher darauf ausgerichtet, eine Deflation in der Eurozone zu vermeiden.

Und wenn Sie aus erster Hand wissen möchten, warum das so wichtig ist, unterhalten Sie sich doch mal mit einem Japaner. Denn jeder Japaner hat in seinem Familien- und Freundeskreis mindestens ein konkretes persönliches Beispiel dafür, mit welcher Wucht die Deflation einzelne Existenzen vernichten kann. Eine Inflation ist gar nichts dagegen. Zumal dann, wenn ein Wirtschaftsraum so weit davon entfernt ist, wie die Eurozone aktuell.

Durch diesen Wertverlust entschulden sich die Staaten auf Kosten des einfachen Sparers.

Tatsächlich kam es in der Geschichte immer wieder vor, dass Staaten eine negative Realverzinsung dafür verwendet haben, sich rascher zu entschulden. Insbesondere die USA haben diese Strategie seit dem Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges und der damit verbundenen hohen Verschuldung nach jedem weiteren Krieg wieder angewendet.
Dennoch hat die obige These demnach schon zwei Schwachstellen:

  1. Haben wir ja immer noch gar keine richtige Inflation in der Eurozone (s.o.).
    Von einer richtigen Entschuldung durch negative Realverzinsung kann ja dann bisher kaum die Rede sein. Obwohl man natürlich zugestehen muss, dass auch die Nominalzinsen mittlerweile negatives Terrain erreicht haben.
  2. Kann der immer wieder benannte „einfache Sparer“ auch schnell selbst als Schuldiger entlarvt werden:
    Wer in diesen Zeiten immer noch Geld in verzinste Anlagen investiert, ist doch eigentlich selbst Schuld, oder? Darf nicht in einer offenen Gesellschaft von einem mündigen Bürger erwartet werden, dass er sich informiert oder wenigstens beraten lässt, anstatt sein Geld auf dem Sparbuch an Wert verlieren zu lassen?

    Übrigens gilt das auch zu 100% für die angesparten Altersvorsorgen. Wer hier über 30 oder mehr Jahre auf Zinsen setzt, ist meiner Meinung nach sowieso hoffnungslos verloren. Das galt übrigens auch schon weit vor der Finanz- und Schuldenkrise.

Die gewünschte Wirkung der Maßnahmen (Geld drucken) der EZB verpufft, da die Inflation ja doch nicht anspringt.

Nun ja, auch hier muss man deutlich differenzieren: Natürlich zielen die Maßnahmen der EZB auf die Inflation ab. Allerdings nicht so unmittelbar, wie der eine oder andere glaubt oder gerne glauben möchte.

Hierzu ein kleiner Exkurs: Die Inflation entsteht nicht etwa nur durch einen Anstieg der Geldmenge bei gleichem Güterangebot. Die Inflationsgleichung besteht auf der rechten Seite vielmehr aus den Faktoren Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit. Da aber letztgenannte seit der Finanzkrise historisch zu niedrig ist, bekommen wir nicht die gewünschte Inflation.

Das heißt, die Maßnahmen der EZB verpuffen keinesfalls, sondern die EZB bekommt mit ihren Maßnahmen einfach keinen Zugriff auf die Inflation.

Was uns dann zwangsläufig zur nächsten Halbwahrheit führt:

Schuld sind die Banken, die die günstigen Kredite der EZB nicht an die Kunden weitergeben.

Ja, das könnte man annehmen: Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ist seit der Finanzkrise nicht ausreichend, weil die Banken sich nicht trauen, Kredite zu vergeben. Ich darf Ihnen aus erster Hand versichern: Dem ist mitnichten so. Wenn Sie sich mal den Wettbewerb der Banken im Corporate Banking oder auch nur auf dem Markt für private Baufinanzierungen anschauen, werden Sie feststellen, dass ein regelrechter Preiskampf um jeden Kredit herrscht. Und da ausnahmslos alle Banken mittlerweile erkannt haben, dass sie ein echtes Rentabilitätsproblem haben, können Sie davon ausgehen, dass man sich um die Vergabe jedes erdenklichen Kredits reißt. Einfach ausgedrückt: Banken würden gerne mehr Kredit vergeben.

Aber woran liegt es dann, dass die Umlaufgeschwindigkeit eben so zu wünschen übrig lässt?
Nun, ebenfalls aus erster Hand darf ich Ihnen berichten, dass viele mittelständische Unternehmer Investitionen aktuell (noch?) scheuen. Und kreditfinanzierte erst recht…

Dass das der (von Banken, EZB und Politik gleichermaßen gewünschten) höheren Kreditvergabe eher entgegen steht, liegt nahe. Die Banken können also (ich wiederhole mich) diesmal leider nichts für die Misere.

Die Unternehmen aber auch nicht. Es muss einem Unternehmer freistehen, ob er sich in sicherer oder unsicherer Lage wähnt und dementsprechend fremdkapitalinduziert investieren möchte.

Fazit

Und damit kommen wir zum Ergebnis meiner Bestandsaufnahme: Tatsächlich hat die Politik einen Auftrag vom Souverän bekommen. Und dieser Auftrag besteht darin, aufzuklären und diffuse Ängste zu zerstreuen. Erst wenn wieder ein Klima des Vertrauens und der Sicherheit geschaffen wurde, kann man von Unternehmen und Unternehmern erwarten, dass sie guten Gewissens investieren, einstellen und Kredite aufnehmen.

Wenn also unsere beliebten Politiker immer wieder davon sprechen, den Bürgerinnen und Bürgern Ängste nehmen und sie aufklären zu wollen, sind das keine Plattitüden! Es geht tatsächlich darum, wieder ein Klima des Vertrauens und der Investitionsbereitschaft zu schaffen, damit wir zu einer gesunden Lohn-Preis-Spirale mit kontrollierter Inflation zurückkehren können.

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