Unter Kaufmännisches Vorsichtsprinzip bzw. einfach nur Vorsichtsprinzip versteht man im deutschen Rechnungswesen den zentralen Grundsatz, dass bei der Bilanzierung alle Risiken und Verluste angemessen zu berücksichtigen sind.

Das Kaufmännische Vorsichtsprinzip kommt dann zur Anwendung, wenn durch unvollständige Informationen oder die Ungewissheit zukünftiger Ereignisse Beurteilungsspielräume entstehen.

Kaufmännisches Vorsichtsprinzip dient der Kapitalerhaltung und dem Gläubigerschutz, indem es verhindern soll, dass die Lage eines Unternehmens besser dargestellt wird, als sie in Wirklichkeit ist.

Das Kaufmännische Vorsichtsprinzip des HGB steht damit im Gegensatz zu dem in IFRS, US-GAAP und sogar dem HGB selbst (§ 264 II HGB) geltenden Bilanzierungsgrundsatz der “Fair Presentation”, nach welchem der Jahresabschluss ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage wiedergeben muss.

Denn mit dem kaufmännischen Vorsichtsprinzip wird zwangsläufig in Kauf genommen, dass die bilanzierte Unternehmenslage sich möglicherweise schlechter als in Wirklichkeit darstellt.

Rechtsgrundlage des kaufmännischen Vorsichtsprinzip ist heute der § 252 I S. 4 HGB: Nach diesem hat der Kaufmann, vorsichtig zu bewerten und grundsätzlich alle vorhersehbaren Risiken und Verluste zu berücksichtigen.

Ausfluss aus dem kaufmännischen Vorsichtsprinzip sind die beiden Folgeprinzipien

  1. Realisationsprinzip (Gewinne sind im Jahresabschluss nur zu berücksichtigen, wenn sie am Abschlusstag realisiert sind, § 252 I Nr. 4 Hs. 2 HGB) und
  2. Imparitätsprinzip (alle bis zum Abschlussstichtag vorhersehbaren unrealisierten Risiken und Verluste müssen im Jahresabschluss berücksichtigt werden, § 252 I Nr. 4 Hs. 1 HGB).

Das Kaufmännische Vorsichtsprinzip gilt über das Maßgeblichkeitsprinzip (§ 5 I EStG) grundsätzlich auch für die Steuerbilanz.

Das kaufmännische Vorsichtsprinzip und die Unternehmensplanung

Einer neuen Studie von EY zufolge, haben 13 der 30 DAX-Unternehmen im ersten Halbjahr 2016 ihre Gewinn- und Umsatzprognosen korrigieren müssen. Eine beachtliche Zahl! Immerhin sprechen wir hier von fast 50% der enthaltenen und berichtenden Unternehmen. Aber bei genauerem Hinsehen sagt diese und die dahinter stehenden Zahlen noch deutlich mehr aus.

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